{"id":881,"date":"2010-05-09T19:35:03","date_gmt":"2010-05-09T18:35:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.fichotsculpteur.com\/site\/?p=881"},"modified":"2010-05-09T19:35:03","modified_gmt":"2010-05-09T18:35:03","slug":"formen-und-verformungen-in-den-skulpturen-von-jean-michel-fichot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.fichotsculpteur.com\/site\/881\/formen-und-verformungen-in-den-skulpturen-von-jean-michel-fichot","title":{"rendered":"Formen und Verformungen in den Skulpturen von Jean-michel Fichot"},"content":{"rendered":"<p>VIER SKULPTURENGRUPPEN<\/p>\n<p>Die Skulpturen von Jean-Michel Fichot (1959 geboren) kann<br \/>\nman in sechs Serien einordnen : DIE GRABNISCHEN (die<br \/>\nSerie began 1980), DIE FRAUENWELT (seit 1985), DIE<br \/>\nFLUCHTEN (seit 1989), DIE AFRIKASERIE (seit 1989), DIE<br \/>\nDIVEN (seit 1990), DIE ENTF\u00dcHRUNGEN (seit 1991). Die<br \/>\nGrabnischen sind Fluchten (in verschiedenen Arten, mit ver-<br \/>\nschiedenen Materialien) von m\u00e4nnlichen K\u00f6pfen, mit<br \/>\nweit ge\u00f6ffneten M\u00fcndern schreien.<\/p>\n<p>DIE GRABNISCHEN<\/p>\n<p>Sie kommen vom Schrei, dem Schmerz, dem Tod. Thanatos<br \/>\nregiert \u00fcber den Grabnischen. Nach den meisten W\u00f6rter-<br \/>\nb\u00fcchern ist eine Grabnische eine flache Aushebung in den<br \/>\nMauern der Kirchen, in denen die Gr\u00e4ber aufgenommen<br \/>\nwerden. In der Bretagne war Jean-Michel Fichot von diesen<br \/>\nGrabnischen fasziniert. Der Klang der Worte im Franz\u00f6si-<br \/>\nschen hat dabei ohne Zweifel mitgespielt, denn\u201cenfeu\u201c,<br \/>\nGrabnische, weckt auch den Gedanken an \u201cfeu\u201c, das Feu-<br \/>\ner, das alles zu Asche verbrennt, \u201cenfer\u201c, die H\u00f6lle mit ihren<br \/>\nVerdammten, und \u201cenjeu\u201c, den Einsatz beim Spiel.<br \/>\nDie anderen f\u00fcnf Werkgruppen besch\u00e4ftigen sich mit dem<br \/>\nweiblichen K\u00f6rper, seinen Drehungen, Verformungen, seinen<br \/>\nVerzerrungen. Manchmal erscheinen die K\u00f6rper alleine,<br \/>\nmanchmal tauchen weibliche Gruppen auf. Manchmal wird<br \/>\neine weibliche Gestalt entf\u00fchrt \u2013 ekstatisch, vielleicht ver-<br \/>\nliebt \u2013 auf dem R\u00fccken eines Tieres. Offensichtlich geh\u00f6ren<br \/>\ndiese Werke ins Reich des Eros, zu den Lebenskr\u00e4ften, zur<br \/>\nweiblichen Lust.<\/p>\n<p>SPANNUNGEN<\/p>\n<p>Jede Skulptur von Jean-Michel Fichot (welcher Werkgruppe<br \/>\nsie auch angeh\u00f6rt) ist mit Spannungen verbunden, lebt im<br \/>\nWechselspiel gegens\u00e4tzlicher Kr\u00e4fte. Sie bewegt sich nie im<br \/>\nFeld der reinen Abbildung des t\u00e4glichen Lebens, verweigert<br \/>\naber auf der anderen Seite eine zu groBe Ferne zu diesem<br \/>\nLeben. Sie versteht sich weder \u201crealistisch\u201c noch \u201cabstrakt\u201c,<br \/>\noder will manchmal vielleicht beides zugleich sein, zerrissen<br \/>\nzwischen gegens\u00e4tzlichen Vorstellungen; durch diese Zerris-<br \/>\nsenheit ist sie umso anr\u00fchrender&#8230;<br \/>\nAndererseits, selbst wenn der K\u00fcnstler verformt, biegt, ver-<br \/>\ndreht, die K\u00f6rper und die K\u00f6pfe in die L\u00e4nge zieht, besteht<br \/>\ner doch darauf, daB sie erkennbar und begehrenswert blei-<br \/>\nben&#8230;<br \/>\nDie Werke von Jean-Michel Fichot beinhalten noch andere<br \/>\nBegegnungsm\u00f6glichkeiten widerspr\u00fcchlicher W\u00fcnsche. In<br \/>\nden Grabnischen, zum Beispiel, f\u00fchren die Brutalit\u00e4t des<br \/>\nThemas und seine Gewalt (ausgedr\u00fcckt in den schreienden<br \/>\nGesichtern) den Bildhauer zur Verwendung oft kostbarer<br \/>\nMaterialien ( Gold, Lack etc.), mit einer dadurch fremd-<br \/>\nartigen und fast perversen Verfeinerung.<\/p>\n<p>DIE KUNSTVOLLEN SPIELE DER VERFORMUNG<\/p>\n<p>In diesen Werken zeigen sich die kunstfertigen, die ernsthaf-<br \/>\nten Spiele der Verformung: die gleichen, die der groBe<br \/>\nKunsthistoriker Jurgis Baltrusaitis (1903-1988) in seinen Un-<br \/>\ntersuchungen der strukturellen Verformungen und das, was<br \/>\ner \u201cdas ornamental-stilistische in der romanischen Skulptur\u201c<br \/>\nnennt, studiert hat. E r zeigt zum Beispiel, wie plastischeFor-<br \/>\nmen aus dem Wechselspiel der Transformationen entstehen;<br \/>\noder auch, wie ein menschlicher K\u00f6rper im XI und XII Jahr-<br \/>\nhundert verl\u00e4ngert, abgerundet, verkantet, in vielen Weisen<br \/>\nver\u00e4ndert wird, bis er in den architektonischen Rahmen paBt,<br \/>\nf\u00fcr den er vorgesehen ist.<br \/>\nWenn man die eigenartigen Verformungen betrachtet, die<br \/>\nJean-Michel Fichot seinen weiblichen K\u00f6rpern angedeihen<br \/>\nl\u00e4Bt, kann man auch an die K\u00f6rperbilder denken, die der<br \/>\nOrgasmus (und die mystische Ekstase, so sagt man) im<br \/>\nK\u00f6rper hervorruft. Sie erinnern auch an den Satz Paul<br \/>\nVal\u00e9rys \u00fcber die Zeichnungen von Ingres: \u201cDer Kohlestift<br \/>\nIngres sucht selbst bei der Darstellung des Monstr\u00f6sen<br \/>\nAnmut zu bewahren: Nie ist das R\u00fcckgrat geschmeidig und<br \/>\nlang genug, oder der Hals biegsam genug, und die Schen-<br \/>\nkel weich genug, und alle Kurven des K\u00f6rpers verf\u00fchrerisch<br \/>\ngenug, f\u00fcr den Blick, der sie mehr umfaBt und ber\u00fchrt, als<br \/>\nsie zu sehen \u201c. Die Verformungen von Jean-Michel Fichot<br \/>\nsind sicherlich ganz anders als die von Ingres. Aber auch sie<br \/>\nerfinden auf ihre Weise neue K\u00f6rper und gew\u00e4hren unseren<br \/>\nAugen das Vergn\u00fcgen, neu zu sehen.<\/p>\n<p>Gilbert Lascault , 1993.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>VIER SKULPTURENGRUPPEN Die Skulpturen von Jean-Michel Fichot (1959 geboren) kann man in sechs Serien einordnen : DIE GRABNISCHEN (die Serie began 1980), DIE FRAUENWELT (seit 1985), DIE FLUCHTEN (seit 1989), DIE AFRIKASERIE (seit 1989), DIE DIVEN (seit 1990), DIE ENTF\u00dcHRUNGEN (seit 1991). 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